Niederwild im Rhein-Sieg-Kreis

von Dr. Norbert Möhlenbruch

 

Der Rhein-Sieg-Kreis beging unlängst sein 40 jähriges Bestehen, was der Jägerschaft Anlass war, einmal nachzuforschen, wie Hege und Jagd bei Federwild und kleinem Haarwild  in diesem Zeitraum verlaufen war. Mit freundlicher Unterstützung der Unteren Jagdbehörde wurden Streckenlisten zusammengetragen, die in ihrem Gesamtverlauf  für Fasan und Rebhuhn den nachfolgenden Diagrammen entnommen werden können. Die  stark abnehmende Entwicklung sieht bei den übrigen Niederwildarten nicht günstiger aus, allerdings mit einigen Besonderheiten, auf die noch eingegangen wird. Jagdstrecken geben im übrigen auch kein genaues Abbild der Besatzsituation, da Enthaltung bei der Bejagung auf Hase und Fasan im Rhein-Sieg-Kreis in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend feststellbar und auch angemessen war. Beim Rebhuhn gilt mittlerweile eine Verschonung von der Jagd. Ehrlicherweise muss man aber auch darauf hinweisen, dass die Verschiebungen zwischen den Wildarten zu einer Veränderung der Bejagung selbst geführt haben. In vielen Revieren steht mittlerweile die Jagd auf Schwarzwild und Rehwild im Vordergrund, wo vor Jahren noch winterliche Such- und Stöberjagden auf Fuchs , Hase, Kanin und Fasan die Jägerinnen und Jäger zusammenrief.

 

Nicht zu vergessen ist auch die anders verlaufende Entwicklung beim Wasserwild. Stockenten und Gänse sind in ihrer Besatzentwicklung positiv zu bewerten und erfreuen viele Schrotschützen. Daran haben auch die Verbesserungen in der Biotopstruktur durch den zunehmenden  Schutz von Wasserflächen, seien es renaturierte Baggerseen oder Sieg, Agger, Bröl, Wahnbach und Hanfbach als wichtigste Fließgewässer mitgewirkt. Erfreulich ist auch die Zunahme an verschiedenen Tauch- und Schwimmentenarten, auch wenn diese nicht bejagt werden dürfen. Die Jägerschaft muss sich im Klaren sein, dass das Hegegebot auch für diese Wildarten gilt und bewusst nenne ich hier auch die Greife, unter denen der Bestand an Rotmilanen im Rhein-Sieg-Kreis einen bundesweit gesehen hohen Stellenwert einnimmt, was wir gemeinsam  mit dem Naturschutz sichern und fördern müssen.

Hase

Bewusst soll mit der Darstellung des Streckenverlaufes beim Hasen begonnen werden. Manchen Rote-Liste-Einschätzungen zum Trotz ist er im gesamten Siegraum noch gut vertreten, was gerade bei den diesjährigen Schneelagen gut beobachtet werden kann. Die Landschaftsstruktur schafft die nötigen Ruhe- und Deckungsräume für den wichtigen Grundbesatz. Da wir allerdings verantwortungsvoll nur den jährlichen Zuwachs bejagen können, sind Scheinwerferzählungen vor jeder Bejagung notwendig. Auch ist die frühe Bejagung im Jahr anzuraten, weil die Abgänge unter den Junghasen krankheitsbedingt im frühen Herbst einsetzen. Hoch sind aber die Abgänge durch moderne Landtechnik in den Revieren mit wenig Deckung. Bei dem notwendigen Heruntermulchen von Gründüngungen werden leider überdurchschnittlich viele Junghasen getötet. Die nachfolgend erscheinende Zahlenreihe zur Strecke zeigt aus den vergangenen 40 Jahren die Jahre  1970/71 ,1980/81 , 1990/91 ,2000/01 und 2008/09 beispielhaft. Dies  gilt auch für die nachfolgenden Wildarten.

Für den Hasen ergibt sich :  6910  4009  2659  1654  1411

Strecke 2012/13 : 1203

Wir erjagen heute also nur noch 20 % der Strecke von vor 40 Jahren. Zurückgehender Gesamtbesatz, Änderung der jagdlichen Ausrichtung in den Revieren, aber auch eine Zurückhaltung der Jäger sind verantwortlich. Beim wichtigsten Faktor, dem geringen Ausgangsbesatz, ist die ungünstige Witterung bedeutsam, allerdings beim Hasen wohl weit weniger bestimmend  als es uns bei den Federwildarten begegnet. Interessant beim Hasen sind auch die eher in kleinen Wellen verlaufenden Streckenänderungen. So wurden Mitte der 90 iger Jahre insgesamt deutlich weniger Hasen geschossen als Mitte der 2000 der. Sehr nachdenklich macht dann die Feststellung, dass diese Entwicklung im umgekehrten Verhältnis zur Zahl der erlegten Füchse steht, was auf einen Nenner gebracht heißt : viele Füchse wenig Hasen. Untermauert wird diese Feststellung  von einer Gegenüberstellung  der 70iger und 2000der Jahre. Im ersteren Jahrzehnt stehen 59659 erlegten Hasen 10675 Füchse gegenüber. Im letzten Jahrzehnt ist das Verhältnis  16418 zu 29403  ,  kamen früher auf einen Fuchs sechs Hasen, kommt heute auf zwei Füchse ein Hase.  Dies ist einerseits zu erwarten gewesen, denn die Tollwut gilt als mehr oder weniger überwunden, andererseits heißt dies für den Jäger : den Hasen im Topf habe ich nur dann verdient, wenn ich zuvor einige Fuchsbälge auf das Spannbrett geschlagen habe.

Fuchs

Die oben erläuterte Streckenreihe für den Fuchs lautet :  594  1381  2013  3287  2785 

Strecke 2012/13  : 3176

Der Fuchs findet im Siegraum aufgrund der zahlreichen kleinen Waldflächen in den Siefenlagen,  vielen Dörfern mit Nahrungsumfeld und einer strukturfördernden Landwirtschaft einen hervorragenden Lebensraum. Die Besätze sind dann auch nach Erliegen der Tollwut rapide gestiegen.  Zusammen mit den ebenfalls anwachsenden Zahlen an Rabenkrähen und Elstern ist hierin eine gewaltige Dezimierung der Beute Niederwild anzunehmen. Da auch andere Tierarten betroffen sind, kann der Jägerschaft die Rolle einer Populationskontrolle zukommen, deren Zustimmung auch beim Naturschutz gesucht werden muss. Tiergerechte Fang- und Lockjagd sind erforderlich, weil wegen des Kulturfolgerstatus der Einsatz von Büchse und Flinte in den stark besiedelten Räumen z.T. ausscheiden kann. Natürliche Feinde sind ohnehin selten, da der Uhu sehr selten vorkommt und auch größere Seuchenzüge bisher ausgeblieben sind. Für die Hege von Niederwild gehört also die Bejagung von Fuchs, Rabenkrähe und Elster zu den wichtigen Faktoren. Es ist Aufgabe der Hegeringe, eine revierübergreifende Bejagung zu organisieren, die mit einzelnen Fuchsjagdtagen keineswegs erledigt ist. Die Hundeausbildung  im Bereich Baujagd bleibt unverzichtbar, weil im Zuge der Einzeljagd auf Schalenwild dem Fuchs zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Kanin

Die Streckenreihe für das Kanin lautet :  5305  4468  6195  2215  4522

Strecke 2012/13  :  4790        

Neben dem Wasserwild zeichnet sich der Rhein-Sieg-Kreis durch zwar stark schwankende, aber nicht zu vernachlässigende Kaninstrecken aus. Um die Schwankungbreite noch deutlicher zu machen : 1975/76 fielen 14000 Kanin, im Jahr 2003/4 nur 1368. Ursache ist die in Wellen auftretende Myxomatose, aber auch die verheerend eingreifende Chinaseuche. Ein Großteil der Strecke wird gerade in Siedlungsräumen getätigt; mit dieser Aufgabe sind  Jägerinnen und Jäger geschätzte Partner von Betreuern öffentlicher Grünanlagen und Friedhöfe , aber auch der großen Zahl an Kleingärtnern und Gemüse- sowie Obstbauern. Alle Jagdpraxis zeigt weiterhin, dass die stete Bejagung der Kanin eher zur Eindämmung von Seuchenzügen führt, weil die Verringerung der Besatzdichte zu weniger krankheitserregendem Kontakt führt. Es darf an dieser Stelle auch auf die wichtige Beizjagd hingewiesen werden, die die Kaninstrecke in Siedlungsräumen wesentlich steigern kann.

Fasan und Rebhuhn

Auch wenn beide Federwildarten eine unterschiedliche Biologie und verschiedene Lebensraumansprüche haben, soll hier ihre Hege gemeinsam diskutiert werden, wie es in wichtigen Fragen grundsätzlich zur Niederwildhege ein geschlossenes Vorgehen zu gestalten gilt.

Die Streckenkennziffer für den Fasan lautet  :  7603  1526  615  111  176

Strecke 2012/13  :  75

Die Ziffernreihe für das Rebhuhn ist  :  2684  266  9  45  38

Fallwild 2012/13  :  26

Für das Rebhuhn gilt zu beachten, dass es nur in Teilen des linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreises noch bejagt werden konnte, gemessen an der landschaftlichen Struktur unseres Kreises sind aber die Zahlen für beide Wildarten alarmierend, denn letztlich sind sie in ihrem Vorkommen auch ein Weiser für die Artenvielfalt und Qualität gerade der vorrangig landwirtschaftlich genutzten Räume. Damit muss auch deutlich gesagt werden, dass es nicht nur Aufgabe der Jägerschaft ist, Verbesserungen zu suchen, sondern auch eine Aufforderung an die Allgemeinheit. Für das Federwild gilt allerdings ein gemeinsam höchstwichtiger Regulierungsfaktor :  die klimatische Gestaltung der Aufzuchtphase bei der Nachkommenschaft. Aktuelle Forschungen zeigen, dass selbst bei besten Lebensräumen  in den letzten beiden Jahren katastrophale Aufzuchtbedingungen herrschten, die zu einem bundesweit starken Rückgang der Populationen führten. Nasse Frühjahr – und Frühsommerperioden bedingen ein geringes Angebot an tierischer Nahrung ( Insekten ) und gleichzeitig verhindert Nässe die Zeiten der Nahrungsaufnahme selbst und fördert Infektionen. Gerade wenn man nur noch Restbesätze antrifft, gilt es, mit Überlegung Stützungsmaßnahmen der Jägerschaft zu starten, denn  die manchmal zu hörende Überlegung – dann setzen wir eben Fasane aus – hilft zur Verbesserung der Gesamtsituation überhaupt nicht, sondern kann nur ultima ratio oder Begleitmaßnahme sein.

Wenn wir nun an Maßnahmen denken, so sollten diese sich insbesondere in den Räumen zunächst bewegen, die  dem Federwild strukturell und klimatisch zusagen. Dies sind die Auenlagen der Flüsse und Bäche mit ihren angrenzenden Hauptterrassenhängen und der gesamte linksrheinische Bereich. Natürlich konnte man auch hier und da einmal ein Rebhuhn und einen Fasan in der Nutscheid, der Leuscheid, der Uckerather Hochfläche oder in den Mucher Berglagen antreffen, heute kann man dies aber erst wieder bei Gesundung der Hauptlebensräume erwarten.

Zur Unterstützung der Restbesätze ist auch die winterliche Fütterung notwendig, insbesondere wenn dreiwöchige Schneelagen wie in diesem Dezember auftreten. Hierzu sind auch über das Lehrrevier des LJV – geleitet durch Revieroberjäger Berner – viele neue Ideen entstanden, die es sich lohnt, abzufragen. Bitte vergessen wir bei der ganzen Grundsatzdiskussion zur Fütterung auch nicht, dass diese für das Niederwild lebenswichtig sein kann und zur Hegeverpflichtung des Jagdrechtes zählt. Auch die Grundeigentümer als Inhaber des Jagdrechtes sind für Verbesserungen zu gewinnen. Hecken in reiner Feldflur, Durchforstung von kleinen Waldflächen zur Förderung des Unterstandes, Akzeptanz von Bracheflächen, gemeinsame Eindämmung von wegefernen Hundebeunruhigungen, all dies sind wichtige  Maßnahmen, die man mit den Grundeigentümern im Gespräch klären muss. Es sollte daher auch der Brauch gepflegt werden, ein jährliches Abstimmungsgespräch mit der Jagdgenossenschaft oder dem Verpächter zu führen. Öffentliche Mittel stehen bei der Unteren Landschaftsbehörde zum Thema „ Artenreiche Feldflur“ zur Verfügung. Gemeinsam mit den Jagdgenossen als Grundeigentümern sind diese Mittel zu beantragen. Die Kreisjägerschaft wird hierzu im kommenden Jahr ein Grundsatzgespräch mit dem Bauernverband und dem Rhein-Sieg-Kreis führen.

Fazit

Nach 40 Jahren Niederwildjagd im Siegraum fällt eine Beurteilung, die sich auf die Entwicklung der Strecken , Revierbeobachtungen und Bekundungen der Jägerschaft bezieht, sehr negativ aus. Gemessen an einer zunehmenden Besiedlung, einer starken Veränderung in der Landwirtschaft, vielseitiger Beunruhigung durch Mensch und Haustier sind Populationen wie vor Jahrzehnten heute nicht mehr zu erwarten. Ausnahmen bilden allgemein das Wasserwild, aber auch einzelne Reviere im Raum Hennef und St. Augustin zeigen, dass intensive Niederwildhege auch heute lohnt und zudem gesetzlicher Auftrag ist. Fuchs, Rabenkrähe und Elster tragen durch Zunahme  im Besatz dazu bei, dass vielerorts die Bejagung des Niederwildes eingestellt wurde. Hier gilt es, deren Bejagung zu intensivieren. Die zunehmenden Schutzbemühungen in den Fluß- und Bachauen geben anderseits Anlass, die Flinte nicht ins Korn zu werfen und in gemeinsamer Anstrengung von benachbarten Revieren den Hegeauftrag wieder ernst zu nehmen. Der Einsatz für das Niederwild wird gleichzeitig auch immer zu einer Verbesserung der allgemeinen Artenvielfalt in unserer Landschaft beitragen, weshalb Bauernschaft, Landschaftsbehörde und Naturschützer mit ins Boot geholt werden müssen.

Auf unsere Jungjäger wartet ein sehr vielseitiger Einsatz in den Revieren, der mit der Anlage von Deckungsflächen sowie Biotopen beginnt, die Betreuung von Fütterungen vorsieht und auch die intensive Bejagung des Raubwildes nicht außer Acht lässt. Die Ausbildung  sollte vermehrt auf Niederwildhege eingehen und die Kreisjägerschaft hat den Auftrag , für die neuen Anstrengungen die Öffentlichkeit zu gewinnen und im ganzen Kreisgebiet Fortbildungsveranstaltungen anzubieten. Die alten Jägerinnen und Jäger haben die wichtige Aufgabe, ihr Wissen von vor 40 Jahren einzubringen und über Reviergrenzen hinauszudenkend in den Hegeringen eine neue Diskussion über gemeinsame Hegemaßnahmen zu entfachen. Über allem steht dann der Grundsatz :   gejagt wird nur, wenn genügend Jungwild aufkommt.

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