Chronische Auszehrkrankheit in Skandinavien: Was Jäger wissen sollten

In Norwegen ist bei einem Rentier und zwei Elchen die aus Nordamerika stammende chronische Auszehrkrankheit (CWD) nachgewiesen worden. Behörden zufolge könnte der Erreger durch Hirsch-Urin aus den USA importiert worden sein. Wie gefährlich die Wildtierkrankheit ist und was deutsche Jäger wissen müssen, fasst der DJV zusammen.

Ein Rentier und zwei Elche sind in Norwegen bereits an CWD erkrankt. (Quelle: Kapuhs/DJV)

 

24. August 2016 (djv) Berlin

In Norwegen sind bereits drei Fälle der aus Nordamerika stammenden chronischen Auszehrkrankheit nachgewiesen worden. Dabei handelt es sich um ein Rentier und zwei Elche. Den Norwegischen Behörden zufolge wird aus den USA importierter Hirsch-Urin als mögliche Primärquelle vermutet. Daher wiesen die Europäische Kommission und das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) auf das Importverbot von Hirsch-Urin in die EU hin.

 

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Quelle: Kaphus/DJV

Hirsch-Urin wird meist von Bogenjägern als Lockmittel eingesetzt, um möglichst nah an das Tier heranzukommen. Diese Art zu jagen ist in Deutschland verboten. Dennoch weist der DJV auf das generelle Importverbot tierischer Nebenprodukte in die EU hin.

 

Der Erreger der Krankheit, ein Prion - fehlgefaltete Proteine (Eiweiße) - ist extrem resistent in der Umwelt. Er wird hauptsächlich über Speichel, Kot und Urin der infizierten Tiere übertragen. Nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Institutes ist es unwahrscheinlich, dass die Krankheit durch Natururlauber oder Jäger ohne direkten Wildkontakt - etwa an der Schuhsohle - nach Deutschland importiert werden kann, da der Erregergehalt zu gering ist. Dennoch wird Jägern grundsätzlich empfohlen, ihre Kleidung und Ausrüstung nach Auslandsaufenthalten gründlich zu reinigen. (Mehr im FLI-Interview).

 

Die betroffenen skandinavischen Länder haben bereits erste Maßnahmen ergriffen: In Norwegen startet in der kommenden Jagdsaison ein Monitoring, das erlegte Elche, Hirsche und Rentiere auf den Erreger prüft. Da ein an CWD verendetes Tier unweit der schwedischen Grenze gefunden wurde, haben auch die schwedischen Behörden Untersuchungen von Fallwild angeordnet.

 

Interview mit Dr. Anne Balkema-Buschmann, Friedrich-Loeffler-Institut (FLI)

Dr. Anne Balkema-Buschmann ist die Leiterin des Referenzlabors für Transmissible Spongiforme Enzephalopathien (TSEs) am FLI.

DJV: Der CWD-Erreger ist extrem resistent und kann über Jahre im Boden überdauern. Wie kann er aufgenommen und übertragen werden?

 

Dr. Anne Balkema-Buschmann

FLI: Beim CWD-Erreger handelt es sich nicht um ein Virus oder Bakterium, sondern um einen Prion-Erreger, das sind fehlgefaltete Proteine (Eiweiße). Infizierte Wildwiederkäuer scheiden insbesondere gegen Ende der Inkubationszeit den Erreger mit Speichel, Kot und Urin aus. Weiterhin sind alle Organe des zentralen und peripheren Nervensystems und des lymphatischen Systems, zum Teil auch die Muskulatur, als möglicherweise infektiös zu betrachten. Die Tiere infizieren sich durch direkten Kontakt bzw. über kontaminierte Futterpflanzen und Salzlecken.

 

Wie kann der Erreger von Schuhen und Kleidung entfernt werden? Sind Desinfektionsmittel oder Abkochen geeignet?

 

Das ist praktisch nicht möglich. Übliche Desinfektionsmittel und Abkochen sind unwirksam. Wirksam sind eine mindestens einstündige Behandlung in hochkonzentrierter Natronlauge oder eine Behandlung mit Hitze und Druck (vergleichbar mit einem Schnell-Kochtopf) in einem Programm bei 136°C und mindestens 3 bar über mehr als eine Stunde.

 

Beide Verfahren sind natürlich nicht geeignet um Jagdausrüstung oder –kleidung zu behandeln, daher sollte das Augenmerk darauf gelegt werden, eine mögliche Kontamination zu verhindern. Nach direktem Kontakt mir Ausscheidungen eines klinisch auffälligen Tieres sollte die Vernichtung der Gegenstände in Betracht gezogen werden, die mit Ausscheidungen in Berührung gekommen sind. In allen anderen Fällen reicht die gründliche Reinigung.

 

Besteht die Möglichkeit, dass Naturaktive den Erreger über weite Strecken an Schuh oder Kleidung tragen? Wie wahrscheinlich ist das?

 

Wenn der Erreger tatsächlich auf Schuhen oder Kleidung vorhanden sein sollte, würde er durch die übliche Reinigungsverfahren (Bürsten, Waschen) nicht inaktiviert. Allerdings werden kontaminierte Partikel (z.B. Kot) durch die Reinigung mechanisch entfernt und dadurch der Erregergehalt deutlich reduziert. Das Szenario einer Verschleppung von CWD-Erregern über Jagdkleidung erscheint aus diesem Grund sehr unwahrscheinlich. Eine gründliche Reinigung der Ausrüstung  vor dem Wechsel in ein anderes Gebiet ist auch aus anderen Gründen empfehlenswert.

 

Ist es zum jetzigen Zeitpunkt angemessen, Natur-Urlauber oder Jäger in Skandinavien auf die potenzielle Gefahr ihrer Mitwirkung an der Ausbreitung der Krankheit hinzuweisen? (Siehe ASP LKW-Fahrer Wurstbrot)

 

Das scheint zum momentanen Zeitpunkt nicht erforderlich zu sein. Natur-Urlauber, die z.B. in Waldgebieten wandern, werden nach heutigem Wissensstand keine ausreichend hohen Erregermengen an Kleidung oder Schuhwerk sammeln können, so dass es zu einer Verschleppung nach Deutschland kommen würde. Dennoch ist eine gründliche mechanische Reinigung der Jagdausrüstung, die ggf. direkt mit Ausscheidungen von potenziell infizierten Tieren in Berührung kommt, grundsätzlich empfehlenswert.

 

Für wie wahrscheinlich halten Sie eine Übertragung durch Hirsch-Urin?

 

Hirsch-Urin aus dem USA kann tatsächlich möglicherweise CWD-Erreger enthalten. Eine wirksame Behandlung des Urins zur Inaktivierung und anschließenden Nutzung als Lockmittel steht nicht zur Verfügung. Aus unserer Sicht kann leicht auf die Einfuhr dieses mit einem realen Infektionspotenzial behafteten Materials verzichtet werden.